Reise ins Sardargebirge

Es gibt aktuell zahllose wirklich gute Science-Fiction und Fantasy Bücher auf dem Markt. Wobei mir gerade beim Fantasy ein wenig zu häufig für ein offenkundig junges und weibliches Publikum geschrieben wird, wodurch viele Geschichten mit Potenzial in einer Romanze versanden. Nichts gegen Jugendliteratur, ich war selbst mal jung, aber leider geht das häufig aus den Klappenstexten nicht hervor und ich denke mir dann als Leser: oh nein, bitte nicht schon wieder.

„Wozu dient ein Halsband?“ „Ein Halsband hat hauptsächlich vier Aufgaben Herr“, antwortete sie. „Zuerst kennzeichnet es mich als Sklavin. Deutlicher, als es ein Brandzeichen je könnte, wenn es von Kleidung bedeckt ist. Zweitens macht es mir meine Unterwerfung deutlich. Drittens zeigt es, wem ich gehöre und viertens …“ “Viertens?”, fragte er. “Viertens…”, sagte sie, “… ist es so leichter mich an die Leine zu nehmen.“ - Entdecker von Gor    

Außerdem sind es nicht die Bücher, die mich als Jugendlicher inspiriert haben und in mir den Wunsch geweckt haben es selbst einmal zu versuchen. Auch wenn es danach noch Jahrzehnte gedauert hat, bis der erste Band von Gischtgeboren das Licht der Welt erblickt hat.

Man wird nicht als Autor geboren – zumindest die wenigsten werden es. Natürlich gibt es immer ein paar Genies, die am Morgen aufwachen, von der göttlichen Muse berührt wurden und es einfach drauf haben. Für den Rest von uns bleibt nur der lange Weg und der sieht in vielen Fällen ähnlich aus. Geschichtenerzähler werden von anderen Geschichtenerzählern in die magischen Welten eingeführt. Zugegebenermaßen relativ selten persönlich, sondern eher durch die Werke. Letzten Endes läuft es aber auf dasselbe hinaus.

Das war bei mir nicht wesentlich anders. Zwischen meinem 15. und 18. Lebensjahr hatte ich fast 2000 Science-Fiction und Fantasy Bücher angesammelt. Bei einem Preis zwischen 10 und 15 DM pro Band auf der einen Seite und dem durchschnittlichen Taschengeld eines Jugendlichen auf der anderen Seite, eine durchaus beachtliche Leistung, die ich ohne meine Verwandtschaft und eine großzügige Oma wahrscheinlich nicht zustande bekommen hätte. Es waren wunderbare Jahre, in denen ich mich nur körperlich auf der Erde aufgehalten habe, während mein Geist die fernsten Winkel des Universums mit exotischem Planeten erforscht hat.

Blogs über neue Bücher gibt es wie Sand am Meer und deshalb habe ich mir gedacht, dass ich ein paar Zeilen über die vergessenen Perlen schreibe, deren Ideen und Inspirationen mich bis heute begleiten. Ich werde mich dabei auf die Buchzyklen konzentrieren, die in meiner Jugend angesagt waren, ohne dass ich es damals so genannt hätte.

Ich werde mit John Normans Gor Zyklus anfangen. Später folgen vielleicht noch die Drachenreiter von Pern oder Michael Moorcocks ewiger Held.

Wenn meine Eltern damals gewusst hätten, was ich da lese, hätte ich vermutlich das 20. Lebensjahr gar nicht erreicht. Aber das gehörte für mich zu den besonderen Reizen, die sich in den dünnen Gor Büchern aus dem Heyne Verlag verbargen, hinter denen ich meine rotglühenden Ohren versteckt habe.

Man kann Gor als platte Abenteuerreihe verstehen, die als Wichsvorlage für unzählige SM Enthusiasten herhalten muss, oder man blickt etwas tiefer. Der erste Roman der Reihe Tarnsman of Gor ist Mitte der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts entstanden und beschäftigt sich, wie es damals im Science-Fiction nicht unüblich war, mit den zahllosen Tabus und Gesellschaftsproblemen der bigotten Nachkriegsgesellschaft in den USA. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau war damals undenkbar, der Süden der USA wurde von Rassenunruhen erschüttert und nicht wenige wünschten sich neben der Rassentrennung auch die Sklaverei zurück. Das war unsere Welt, in der John Norman seinen ersten Gegenerde Roman veröffentlichte.

Gor befindet sich auf derselben Umlaufbahn wie die Erde, wird dabei aber dauerhaft von der Sonne verdeckt, sodass wir nichts von seiner Existenz wissen.

Der Geschichtslehrer Tarl Cabot wird während eines Ausflugs entführt und in eine fremde Welt entführt – nach Gor. Cabot trifft seinen verschollen geglaubten Vater wieder und wird in der Stadt Ko-ro-ba als Krieger ausgebildet und in die rote Kaste aufgenommen. Ähnlich wie im alten Indien der Erde, ist die goreanische Gesellschaft in ein strenges Kastensystem unterteilt und bis auf wenige Ausnahmen von Männern dominiert. Die Frauen auf Gor sind immer atemberaubend schön – und tragen meist als Sklavin ein Halsband.

Cabot wird auf eine erste Mission geschickt um den Heimstein der verfeindeten Stadt Ar zu stehlen. Der Auftrag scheitert und ihm wird schnell klar, dass er nicht nur in eine politische Intrige zwischen den beiden mächtigen Stadtstaaten verwickelt ist, sondern auch in den ewigen Kampf zwischen den beiden Alienrassen der Priesterkönige und der Kurii.

Wie schon gesagt, die Abenteuergeschichte – obwohl sie mich in meiner Jugend begeistert hat – ist nur mäßig herausragend. Interessant ist Gor vor allem durch den Gegenentwurf einer Gesellschaft, die sich in vielem von den Werten unserer westlichen Welt unterscheidet. Besonders natürlich im Frauenbild und aus der Warte des beginnenden 21. Jahrhunderts. Das kann man mögen, muss es aber nicht, lesenswert war es für mich auf jeden Fall und die Vorstellung eine der widerspenstigen Damen auf dem Pausenhof an die Leine zu legen, die meine jugendlichen Hormone auf die Überholspur brachte, war einfach göttlich.

 

Featured Image, Künstler: Marcus J. Ranum, Kajira, Bild lizenziert unter der CC-Lizenz Namensnennung 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/“

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