Der heimliche Held

Was wäre Star Wars ohne Tatooine, der Herr der Ringe ohne die Riddermark, Helms Klamm oder Minas Tirith oder Sherlock Holmes ohne die nebelverhangenen Gassen Londons?

Deutlich weniger spannend mit Sicherheit.

Die Welt und die richtige Auswahl des Schauplatzes für eine Geschichte ist die halbe Miete, um Leser zu fesseln. Ein Begriff, der eng mit dem Science – Fiction Genre verbunden ist, beschreibt das sehr schön, auch wenn er nur schwer ins Deutsche zu übersetzen ist – der Sense of Wonder. Gemeint ist der Wow – Effekt, wenn die Welt den Leser so in den Bann zieht, dass er die Geschichte schon fast vergisst. Ein wunderschönes Beispiel ist der Beginn des ersten Star Wars Films (nach neuer Rechnung Nummer 4), als der Kinobesucher von unten auf den gigantischen Sternenzerstörer zugleitet.

Hammer!

Ich weiß noch genau, wie ich als Jugendlicher mit offenem Mund an der Leinwand klebte und jede Sekunde des Films aufgesaugt habe.

Zugegeben es handelt sich dabei um einen Film und nicht um ein Buch, aber es gibt wohl nur Wenige, die die diese Szene nicht kennen, deshalb eignet sie sich so hervorragend als Beispiel. George Lucas ist es in nur wenigen Augenblicken gelungen, den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Und dabei hat er noch kein einziges Krümelchen der Geschichte erzählt.

Aber zurück zum gedruckten Wort. Die Welt der Drachenreiter von Pern von Anne McCaffrey oder die Welt der Tausend Ebenen von Philip José Farmer sind für mich persönliche gelungene Beispiele des Weltenbaus in der fantastischen Literatur, die zahllose Szenen mit Wow – Effekten enthalten. Obwohl ich in mittlerweile vier Zyklen selbst Welten erschaffen habe, habe ich mich bewusst aus der Aufzählung herausgehalten. Eigenlob stinkt eben. Entscheiden Sie selbst ob ich mit Eoe, Shygarn oder der Aggra ein überzeugendes Beispiel für eine literarische Welt vorgelegt habe.

Aber wie kommt man jetzt zu einer erfundenen Welt?

Wo entdeckt man Pern, Tatooine oder Eoe und macht sie für Leser zugänglich?

Die Frage ist nicht einfach zu beantworten, Fantasie kann man nicht erzwingen. Auf der anderen Seite wacht man nicht eines Morgens auf und hat als Autor die komplette Landkarte einer fremden Welt im Kopf – zumindest geht es mir so. Es ist eher eine Art Staffellauf und viel try and error. Mit anderen Worten, ich spiele oft stundenlang Szenen mit meinen Helden durch, verwerfe sie, verändere sie und mache mir Notizen zu den Dingen die mir gefallen und die funktionieren. Meist fange ich klein an, mit einem Dorf oder einer Stadt, führe meinen Helden ein und versuche dann zusammen mit ihm oder ihr diese fremde faszinierende Welt zu entdecken. Chesoba zum Beispiel aus dem Lied des ewigen Nebels ist ein kleines Bergdorf, das regelmäßig von Nebelmassen überflutet wird, in denen verzerrte Monster hausen. Und ab da entfaltet sich dann die Geschichte zusammen mit der Welt von Eoe.

Die Grundidee finde ich oft im Alltäglichen. Kleine Kostprobe gefällig?

Also dann schnallen Sie sich an, stellen Sie die Sitze aufrecht und …

Nichts ist alltäglicher als Berufsverkehr. Verstopfte Straßen, endlose Staus an Autobahnausfahrten und hunderte genervte Leute, die zur Arbeit müssen. Warum eine solche Stadt mit ihren Highways, Rushhours und dunklen Gassen nicht einfach kopieren und sagen wir mal oben drauf packen?

Eine zweistöckige Stadt zum Bleistift. Oder noch besser eine Stadt mit drei, vier oder dutzenden Etagen. Himmelsstürmende Hochhäuser, die bis in die Wolken reichen und zwischen denen sich fragile Straßenbrücken und freitragende Parks aufspannen. Oben würden die Reichen wohnen, in penthouseartigen Villen und in riesigen sonnendurchfluteten Grünanlangen flanieren, während die Arbeiter und Armen in den dunklen Tiefen vegetieren müssen. Licht wäre in einer solchen Welt wertvoller als Gold und mehr als einen Mord wert, denn spätestens ab der mittleren Ebene dringt kein Strahl Sonne mehr nach unten.

Oder vielleicht noch besser, warum nicht einfach das Ding umdrehen?

Die Armen wohnen oben und sind einer erhöhten Belastung durch kosmische Strahlung ausgesetzt, weil die schützende Ozonschicht schon lange geschwächt ist, während die Reichen und Schönen sich nach unten verkrochen haben und der vornehmen Blässe frönen. Ein dystrophischer Moloch, wie geschaffen für eine unglückliche Liebe oder einen düsteren Kriminalroman, der in einer fernen Zukunft spielt, finden Sie nicht?

Ich hoffe Ihnen hat der kleine Ausblick in die Arbeit eines Autors und Wortschmieds gefallen. In dem Sinne, man liest sich.

Ihr Laird Oliver

 

Featured Image, Künstler: Sweetie187, Space, Bild lizenziert unter der CC-Lizenz Namensnennung 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/“

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